Liebe Petra,
zuerst einmal tut es mir sehr leid, dass Sie eine derart traumatische Erfahrung machen mussten. So etwas darf in der modernen Zahnmedizin nicht passieren, und Ihre Reaktion – Schmerzen, Schock, Vertrauensverlust – ist absolut verständlich.
Ich gehe Ihre Fragen der Reihe nach durch:
---
1. Abdruck bei gelockerten Zähnen (Lockerungsgrad 2–3)
Bei Zähnen, die so stark gelockert sind, besteht tatsächlich ein hohes Risiko, dass sie beim Abdruck im Material stecken bleiben.
Das bedeutet:
Ein normaler, fest abbindender Abdruck ist nicht die erste Wahl.
Man nutzt stattdessen schonendere Alternativen:
Weicheres Abdruckmaterial (z. B. sehr elastische Silikone)
Abdruck in zwei Schritten, um Zugkräfte zu reduzieren
Digitaler Intraoralscan, wenn möglich (hier besteht keine Gefahr des Herausziehens)
Vorherige Stabilisierung oder Entfernung extrem mobiler Zähne
Die Vorgehensweise Ihrer Zahnärztin war in diesem Kontext zumindest nicht optimal geplant.
---
2. „Das Material wurde extrem fest“ – war es zu lange im Mund?
Ja, das ist möglich.
Viele Abdruckmaterialien (besonders Alginat auf Schnellbindung) werden:
nach der Abbindefrist immer härter,
verlieren ihre Elastizität,
lassen sich dann nur noch mit erheblichem Kraftaufwand lösen.
Ein korrekt geführter Abdruck:
wird rechtzeitig herausgenommen,
wird immer mit kontrollierten, gleichmäßigen Bewegungen gelöst,
darf keine Gewalt und keine 15 Minuten dauern.
Eine Viertelstunde ist definitiv zu lang und spricht für ein Problem beim Handling.
---
3. Schmerzen, Zähne wurden herausgezogen – ist das „normal“?
Nein.
Dass gelockerte Zähne herausgehen kann passieren, aber:
Es muss vorher klar besprochen werden.
Der Patient muss informiert und einverstanden sein.
Die Methode muss so schonend wie möglich sein.
Eine Situation, in der Sie das Gefühl haben, „der Kiefer bricht gleich“, ist nicht akzeptabel.
---
4. Auswirkungen auf Nacken/Halswirbelsäule
Sie schreiben von einem frisch ausgeheilten Bandscheibenvorfall – auch hier gilt:
Längeres Festhalten, starkes Ziehen oder ruckartige Bewegungen dürfen nicht vorkommen.
Patienten mit HWS-Problemen brauchen angepasste Positionen und sanfte Behandlungsabläufe.
Ihre Beschwerden danach sind durchaus nachvollziehbar.
---
5. „Warum machen Zahnärzte sowas?“
In der Regel nicht aus Absicht.
Häufige Ursachen sind:
Zeitdruck
Unterschätzung der Situation
Unterschätzte Materialhärte
Fehlende Erfahrung im Umgang mit stark gelockerten Zähnen
Kommunikationsprobleme
Aber: Der Patient hat immer ein Recht auf eine sanfte, transparente und sichere Behandlung.
---
6. Darf ich mitten in der Behandlung den Zahnarzt wechseln?
Ja.
Sie sind zu keinem Zeitpunkt an eine Praxis gebunden.
Sie können jederzeit:
die Praxis wechseln,
eine Zweitmeinung einholen,
Unterlagen und Abdrücke anfordern (dazu sind Praxen gesetzlich verpflichtet).
Es ist absolut legitim, nach so einer Erfahrung einen anderen Behandler aufzusuchen.
---
7. Was ich Ihnen konkret empfehle
Suchen Sie sich eine Praxis, die ruhig, einfühlsam und prothetisch erfahren ist.
Fragen Sie explizit nach digitalem Abdruck, um solche Situationen künftig zu vermeiden.
Lassen Sie Ihre HWS-Beschwerden ggf. ärztlich dokumentieren (nur falls Probleme bestehen).
Lassen Sie sich Zeit, das Vertrauen in eine neue Praxis wieder aufzubauen.
---
Fazit:
Nein, das war nicht „normal“. Es gab bessere, schonendere Alternativen. Und ja – Sie dürfen jederzeit den Zahnarzt wechseln. Ihr Gefühl, dass das ganze Vorgehen nicht richtig war, ist absolut berechtigt.